Mythos Elternliebe

Eine der Grundursachen seelischer Leiden ist meines Erachtens darin zu finden, dass wir schlichtweg von falschen Prämissen ausgehen, was die „Normalität“ von zwischenmenschlichen Gefühlen und Verhaltenweisen betrifft. Häufig wird unsere Vorstellung dessen, was „normal“ im Sinne von „natürlich“, sinnvoll und moralisch unumstößlich ist, durch gesellschaftliche Idealbilder geprägt, die ihrerseits dem Zeitgeist der jeweiligen Epoche unterliegen. Wie so viele Konstrukte, die uns heutzutage als Naturgesetzmäßigkeiten verkauft werden, gehört mit Sicherheit auch die Annahme, dass Elternliebe per se als natürlicher Instinkt anzusehen sei, in das Reich der Sagen und Mythen.

Es findet eine moralische Idealisierung der elterlichen Zuneigung statt, die so raumnehmend ist, dass sie nebenbei gleich auch noch sämtliche andere wichtige Intentionen einer Familiengründung nebensächlich erscheinen lässt oder als Liebe umdefiniert: biologische Gründe wie etwa den Sexual- und Fortpflanzungstrieb, gesellschaftliche und familiäre Erwartungen, die Angst vor Einsamkeit, Bindung des Partners, Verhütungspannen, falsche Erwartungen an das Elterndasein…
Natürlich mag man jetzt darüber philosophieren, welcher Natur die Liebe zwischen Lebewesen denn dann grundsätzlich sei. Manch einer wird auch hier auf einer Erklärung durch biochemische Prozesse insistieren. Andere werden vehement auf die Existenz romantischer Gefühle beharren.
Welche vordergründigen oder tatsächlichen Ursachen dann letztendlich auch zur Entstehung des neuen Lebens geführt haben – wenn es erst einmal auf der Welt ist, hat man es lieb… zu haben.
Dass Vätern von Zeit zu Zeit, insbesondere vor der ungewollten Geburt eines Sprösslings oder im Falle einer Trennung von der Mutter desselben, dieser „Urinstinkt“ plötzlich abhanden kommt, erscheint uns sonderbar und abartig genug. Aber unsere Mütter haben doch gefälligst in unser Weltbild zu passen und uns zu lieben – bedingungslos und aufopfernd versteht sich. Häufig tun sie das sogar, völlig unaufgefordert, von ganzem Herzen und mit anrührender Besorgnis.
Was wir auf elterlicher Seite als normalen, einzig gesunden Instinkt ansehen, verbuchen wir im Gegenzug auf unserer, auf Kinderseite, als angestammtes Recht und reagieren mit Irritation bis hin zur seelischen Störung auf Ausnahmen von dieser vermeintlichen Regel.

Andere Zeiten – andere Gefühle

Dabei machen wir uns natürlich nicht bewusst, dass es sich bei dieser Prämisse selbstverständlich nicht um Naturgesetze handeln kann, war die Beziehung zwischen Eltern und Kindern doch zum Beispiel in unseren Breiten bis ins 20. Jahrhundert hinein noch eine ganz andere. Nicht nur, dass bei der Erziehung weitgehend auf konsequente Härte und teilweise martialische Bestrafungsmaßnahmen gesetzt wurde. Im Gegensatz zu heute standen die Forderungen und Bedürfnisse der Eltern, respektive des Vaters, im Mittelpunkt des familiären Interesses. Die, häufig vielköpfige, Kinderschar besaß keinerlei Rechte oder Privilegien, sondern ausschließlich Pflichten, an deren erster Stelle die Pflicht auf Gehorsam und Respekt stand. Spezielle Konsumartikel für Kinder, wie etwa Spielzeug, fanden erst ab der Wilhelminischen Zeit überhaupt größere Verbreitung und dann hauptsächlich in wohlhabenden Schichten. Auch so etwas wie Kindermode existierte bin weit ins 20. Jahrhundert hinein nicht. Wer alte Fotos betrachtet, wird erkennen, dass Kinder und Erwachsene exakt im gleichen Stil gekleidet waren – nur, dass die Kindergarderobe eben die Miniaturausgabe der Damenkleider und Herrenanzüge war. Die elterliche Fürsorge korrespondierte mit den Anforderungen und Gefahren jener Zeit. Es galt, den Nachwuchs lebend und ohne schwere gesundheitliche Schäden durch die Kindheit zu bringen, (was selbst in vornehmen Kreisen allzu häufig trotz größter Anstrengung nicht gelang), ihn für die jeweils vorgesehenen Lebensaufgaben tauglich zu machen und renitente Anwandlungen jeglicher Art im Keim zu ersticken. Man stelle sich eine proletarische oder bäuerliche Mutter von elf Kindern vor, die jeden Arbeitsauftrag, jedes Verbot und jede Entscheidung zuerst zermürbend-akribisch mit dem jeweiligen Sprössling hätte ausdiskutieren wollen. Meine Großmutter, eine zierliche, leise Person, pflegte Rebellionsversuche ihrer größeren Söhne zu beenden, indem sie Holzscheite, in der Küche neben dem Herd gelagert, nach ihnen warf.
Überschwängliche Liebesbezeugungen waren im Alltag weder unter Paaren geschweige denn den Kindern gegenüber üblich.

Neue Kinderrolle

Die Erfindung der romantischen Liebesheirat, die Beschränkung der Kinderzahl auf nur wenige Exemplare und die Vereinfachung der Haushaltsführung brachte, vor allem ab Mitte des 20. Jahrhunderts ein Umdenken mit sich. Als Ideal galt es plötzlich, die durchschnittlich nur noch zwei Kinder pro Ehepaar zu möglichst erfolgreichen Erwachsenen aufzuziehen. Und es dauerte nicht lange, bis Wirtschaft und Wissenschaft unserer Elterngeneration beigebracht hatten, wie dies zu erreichen sei: Konsum der richtigen Güter plus der Wahrnehmung und Befriedigung sämtlicher psychischer und sozialer Bedürfnisse der Kinder. Dafür wurde der neuen Elterngeneration die Anerkennung der Umwelt und vor allem die Liebe des Nachwuchses in Aussicht gestellt. Ein verlockender Tausch: liebgehabt statt gefürchtet werden. „Gute Eltern“ hatten sich mit einem Mal dafür zu interessieren, was ihre Töchter und Söhne beschäftigt, was sie sich für ihr Leben wünschen und unter was sie leiden.

Und nicht wenige Eltern ließen sich gern auf die neuen Gepflogenheiten ein, denn schließlich hatten sie die eigene Kindheit mit all der Strenge, Nüchternheit und Arbeit noch in schmerzlicher Erinnerung. Die Kinder sollten es einmal besser haben – und das nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht. „Mein Kind darf sich seinen Beruf selber aussuchen“ galt noch in den 1950er Jahren quasi als Parade-Phrase moderner Erziehungsmethoden und eines intakten Eltern-Kind-Verhältnisses.
So, wie man sich in kürzester Zeit an neue Tapeten gewöhnt, verhält es sich auch mit Theorien und Verhaltensmustern. Was noch gestern „neumodischer Kram“ war, ist schon heute beinahe „Schnee von gestern“. Die Erwartungshaltung der Kindergeneration entwickelte sich aus gutem Grund mit entsprechender Selbstverständlichkeit.
Inzwischen findet durch alle Gesellschaftsschichten hindurch eine starke Fixierung auf die Gefühlsebene statt. Mit feinen Antennen registrieren wir schon als Kleinkinder jede negative Einstellung der Erziehungsberechtigten uns gegenüber und seien es auch nur unbewusste Handlungsweisen, die wir möglicherweise ebenso unbewusst wahrnehmen. Einige Wissenschaftler gehen inzwischen sogar schon davon aus, dass bereits Babys im Mutterleib spüren, ob sie willkommen sind oder eben nicht.

Wir wollen geliebt werden. Das ist verständlich, denn allein diese selbstlose Liebe sicherte uns seit Höhlenmenschzeiten als hilflose, schwache Brut das Überleben. Nicht zufällig werden wir mit diesen großen Köpfen, der schmuseweichen Haut, dem lieblichen Duft und diesen riesigen Kulleraugen geboren, die Mama und Papa wortlos entgegenrufen: „Ihr müsst mich liebhaben, mich wärmen, füttern, saubermachen und streicheln!“ Funktioniert auch meistens, zumindest in den ersten Jahren, sogar bei wildfremden Menschen.

Wie im Märchen

Wehe aber, Papa und/oder Mama signalisieren uns durch ihr Verhalten Desinteresse oder gar Ablehnung! Sofort kommt uns das Märchen von „Hänsel und Gretel“ in den Sinn und wir erschaudern bei dem Gedanken an dieses gefühlskalte, liederliche Elternpaar, das die bedauernswerten, jungen Geschöpfe ohne Nahrung, Goldmünzen und Streicheleinheiten im finsteren Wald aussetzt, um sie loszuwerden. „Wie kann man denn bloß dermaßen egoistisch und herzlos sein?“ fragen wir uns kopfschüttelnd.
Seine Kinder nicht bedingungslos lieben und dies selbstverständlich auch angemessen zeigen zu können, gehört also zu den gesellschaftlichen Tabus unserer Zeit. Im Gegenzug werden Eltern, die ihre enorme Zuneigung zu den eigenen Sprösslingen immerfort als Lippenbekenntnis parat haben und damit kokettieren: „Ja, wir verwöhnen unsere Kinder schon sehr, aber wir können einfach nicht anders!“ glorifiziert. Kein Tag, an dem man nicht seinen Account in irgendeinem beliebigen Sozialen Netzwerk öffnet und einem entgegenprangt: „Wer seine Kinder ebenfalls über alles liebt, teilt diesen Post!“ Wer derartige Statements so dermaßen kitschig und aufgesetzt findet, dass er sie allein aus diesem Grund nicht „liked“ oder gar wie befohlen „teilt“, fühlt sich insgeheim schon ein bisschen wie ein Scheusal, nicht wahr?! „Rabenmutter, Rabenvater!“, kreischt der geschlossene Post einem förmlich nach. „Aber ich hab’ mein Kind doch trotzdem lieb!“, beteuert das schlechte Gewissen daraufhin und man ist stinksauer auf das dumme, manipulierbare Aas.

Keine Liebe vorhanden

Was aber mit den Eltern, die tatsächlich nicht die gesellschaftlich eingeforderten Emotionen gegenüber ihrem Nachwuchs aufbringen können? Wie fühlen sich diejenigen, die sich – bewusst oder mehr oder weniger unbewusst – durch ihre Kinder eingeschränkt, genervt oder überfordert fühlen? Was geht in denen vor, die notgedrungen eine Rolle ausfüllen, die sie überhaupt nie wollten oder im Vorfeld idealisiert hatten? Was, wenn eine Mutter oder ein Vater ein Kind einfach nicht mag? Das gibt es nicht, weil es das nicht geben darf? Oh doch, das gibt es sehr wohl, denn Elternliebe ist eben mitnichten ein Naturgesetz. Manch einer kann seine Oma nicht ausstehen. Der nächste findet seinen leiblichen Bruder total unsympathisch. – Und manche Eltern können eben den Burschen, den sie gezeugt oder das Mädel, das sie „neun Monate lang unter dem Herzen getragen“ haben, ums Verrecken nicht leiden.
Ein befreundeter Gesprächstherapeut erzählte mir vor Jahren einmal von seinen beiden damals fünfjährigen Söhnen, Zwillingen. Sie seien sich äußerlich unglaublich ähnlich, hätten fast gleiche Charaktereigenschaften und Talente und verhielten sich ihm gegenüber beide anhänglich, aber, so bekannte er mit gesenktem Haupt, er selbst könne den einen Jungen einfach nicht richtig lieben, egal, wie sehr er sich bemühe. Natürlich versuchte er, die Jungen das nicht merken zu lassen. Natürlich merkten sie es, alle beide.
Damals fand ich das noch unmöglich – unmöglich in dem Sinne, dass er sich über seine Gefühle täuschen musste und unmöglich, so etwas ehrlich auszusprechen. Heute finde ich es möglich – möglich im Sinne von durchaus an der Tagesordnung. Inzwischen weiß ich, dass die Kliniken voll sind mit Menschen, die an der elterlichen Unfähigkeit, sie zu lieben, gesundheitlich zerbrochen sind. Ich meine hier übrigens nicht nur die Psychiatrischen Kliniken.

Kein Makel der Kinder

Daher sollen die Befindlichkeiten von Eltern hier auch nicht mein Thema sein. Und auch, wenn nach diesem langen historischen und sozialen Exkurs der Eindruck entstanden sein mag, dass ich die ablehnende Haltung zahlreicher Eltern ihren Kindern gegenüber entschuldige und für keine Abart der Natur halte, so sollte er doch lediglich einem Zweck dienen: Wir müssen uns klarmachen, dass das Verhalten unserer Eltern uns gegenüber, egal wie ignorant oder abscheulich es sein mag, fast nie in einem Makel unserer eigenen Person begründet liegt. Das Loslassen der Vorstellung, dass es der absolute Normalfall sei, von den Eltern geliebt zu werden, befreit uns von dem schrecklichen Gedanken, vermutlich ein Mensch zu sein, der einfach nicht liebenswert genug ist.
Wenn wir „Eltern“ sagen, sprechen wir erst einmal von nichts anderem als von Personen, die biologisch in der Lage waren, Nachwuchs zu zeugen bzw. zu gebären oder in Ausnahmefällen von Personen, die durch Adoption oder ähnliche Prozedere Kinder in ihre Obhut bekommen haben. Sie wurden vom Schicksal weder aufgrund einer überaus liebevollen, empathischen Art noch aufgrund einer besonders ausgeprägten moralischen Urteilsfähigkeit über andere Menschen ausgewählt.
Der Ausruf: „Aber ich bin doch deine Mutter/ dein Vater! Wie kannst du nur so etwas sagen/ dich so mir gegenüber verhalten/ mich meiden?!“ ist daher so überflüssig wie dumm und sollte verboten werden. (Vielleicht sollten Erziehungsberechtigte beim Melden einer Geburt auf dem Standesamt darüber belehrt werden, dass die ausgehändigte Geburtsurkunde nicht zur Einforderung von Liebe und Respekt berechtigt.)

Verantwortung als Kriterium

Anders verhält es sich mit dem Gedanken: „Aber ich bin doch dein Kind! Wie kannst du nur so zu mir sein?!“ Wie oben entwickelt, ist zwar auch in diese Richtung keine Liebe einforderbar. Der qualitative Unterschied liegt allerdings in einem Moment, das an diesem Punkt als Diskussionsgrundlage eingeführt werden muss: Verantwortung für das, was man neu geschaffen und hilflos in die Welt gesetzt hat. Eine Verantwortung, die bei der Ernährung, Bildung, Unterbringung und körperlichen Gesundheitsfürsorge natürlich nicht aufhört, sondern auch die seelische Gesundheit betrifft, dürfte sich doch mittlerweile selbst unter Ignoranten herumgesprochen haben, dass erworbene seelische Leiden so grausam und vernichtend für ein Individuum sein können, dass sie schwersten körperlichen Gebrechen in nichts nachstehen. Um es einmal so auszudrücken: Eltern, die ihren Kindern das Rückgrat brechen, landen für lange Zeit im Gefängnis. Täter, die selbiges mit der Seele eines jungen Menschen tun, gehören an den gleichen Ort.
Im Gegensatz zu vielen Psychologen unterstelle ich allen Erziehungsberechtigten, die ihre Kinder durch ihr Verhalten in schwere seelische Erkrankungen stürzen, einen Mangel an echter Elternliebe. Ein quasi versehentliches Zerstören einer anderen Persönlichkeit halte ich nicht für möglich und die vielfältigen Ausreden ganzer Horden angeblich „stets nur wohlmeinender“ Eltern für verlogen. Meine persönliche Definition des Begriffs Liebe beinhaltet nämlich die Fähigkeit und den Wunsch, die eigenen Interessen nicht gewaltsam über die des Gegenübers zu stellen und genug Empathie zu entwickeln, um die meisten Dinge auch aus der Sicht des Anderen sehen zu können.
Versuche von ärztlicher Seite, den Eltern jegliche Schuldgefühle und die Last der Verantwortung zu nehmen, halte ich für unangebrachte Schönrederei und für völlig contraindiziert den Erkrankten gegenüber. Im Gegenteil sollte es heißen: „Machen Sie sich Vorwürfe!“

Zum Opfer erzogen

Selbst die Väter und Mütter von seelisch schwer kranken Menschen, die ihre Schutzbefohlenen nicht aktiv sexuell missbraucht, geschlagen, vernachlässigt oder verlassen haben, wissen meines Erachtens tief in sich drin sehr wohl um ihr schädliches, pathogenes Verhalten und ihre Aversionen. Da wurde erpresst, unterdrückt, manipuliert, mit Schuldzuweisungen jongliert, eigene Wünsche wurden projiziert und Persönlichkeiten verbogen.
Und selbst, wenn die direkt auslösenden Faktoren einer psychischen Erkrankung einmal in einem anderen Umfeld, wie etwa bei fremden Tätern, schlagenden Ehemännern oder Mobbing am Arbeitsplatz, zu suchen sind, so muss man doch konstatieren, dass es im Endeffekt eigentlich immer „Opferpersönlichkeiten“ trifft. Zu einem Opfer wird man nicht von allein. Zu einem Opfer wird man erzogen.
(Selbstverständlich klammere ich hier all jene Fälle aus, bei denen das Trauma ganz offensichtlich durch unvorhersehbare Dritteinwirkung stattfand und nur zufällig das Opfer traf wie zum Beispiel ein Autounfall, eine Explosion oder ein Überfall.)

Gäbe es nur halb so viele „gute Eltern“ wie Menschen, die dies von sich selbst behaupten, dann könnten die allermeisten Erwachsenen-Psychiatrien, Tageskliniken, Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie und jene für Psychosomatik ihre Pforten schließen, die Wartelisten der niedergelassenen Psychologen würden so zusammenschrumpfen, dass man nicht acht Monate auf einen Therapieplatz warten müsste und selbst die Zahl der allermeisten physischen Erkrankungen würde rapide abnehmen.
Unterdessen müssen wir mit Leuten klarkommen, die sich ihre Elternliebe auf die Stirn plakatieren und mit Massen verzweifelter Resultate der vermeintlich liebevollen Behandlung.

© Marthe Wegner-Valentin

Gute Einsichten auf Besserung

Wer kennt sie nicht, zumindest aus Filmen, die legendären Einleitungsworte bei jeder Neuvorstellung und vor Erfahrungsberichten eines Mitglieds jener weltweit bekannten Selbsthilfeorganisation für Trinker: „Mein Name ist (XY), und ich bin Alkoholiker“?!
Ein Satz, der dem Betreffenden sicherlich anfangs schwer über die Lippen geht, bringt er doch knapp und ungeschönt die beiden Komponenten zusammen, die er bis zu jenem Zeitpunkt auf keinen Fall als zusammengehörig akzeptieren konnte: die eigene Person und die Sucht.

Ein Ritual, das auf den ersten Blick dazu erfunden scheint, das neue Mitglied schlichtweg zu demütigen und zu degradieren, aber auf der Erkenntnis beruht, dass jede Weiterentwicklung nur auf der Grundlage des inneren Eingeständnisses der eigenen Notlage möglich ist. Da man in diesem Fall davon ausgehen kann, dass derjenige sich insgeheim seiner Problematik bereits (relativ) bewusst war – schließlich erscheint er ja zu einem entsprechenden Treffen – gehen die „Anonymen Alkoholiker“ im Prinzip noch einen Schritt weiter. Erwartet wird nicht nur die innere Einsicht, sondern gar ein offenes Aussprechen der schmerzenden Erkenntnis vor der ganzen Gruppe, eine Proklamation, die den Charakter des Sachverhaltes quasi verwandelt: Aus der vagen, heimlichen Ahnung, die man von Zeit zu Zeit ignorieren kann, wird eine Tatsache mit Handlungsbedarf. Einmal ausgesprochen, zumal vor „Zeugen“, lässt sich das Problem nicht mehr einfach so vom Tisch wischen.

Ernst genommen werden

Denselben Ansatz nutzen auch Mediziner und vor allem Psychologen, die als Grundvoraussetzung der erfolgreichen Behandlung ansehen, der Patient solle sich seiner Lage insoweit bewusst sein, dass er konstatiert: Ich bin krank!
Die Intention dieser Theorie ist, wie bereits im Fall der Suchterkrankungen, völlig klar, ehrenwert und nachvollziehbar. Zum einen wird dem Menschen in seelischer Notlage durch das medizinisch diagnostizierte Attribut „krank“ der Makel (und auch der Selbstzweifel) genommen, womöglich einfach nur arbeitsunwillig, nicht genügend belastbar, charakterschwach, undankbar oder schlichtweg „bescheuert“ zu sein. Zum anderen impliziert der Begriff „krank“ die Notwendigkeit einer Behandlung. Das Leiden wird nun ernst genommen – auch vom Betroffenen selbst – bekommt einen Namen, sogar einen lateinischen Zweitnamen, und einen echten Stellenwert. Wie viel eleganter klingt „Exogene Depression“ im Vergleich zu der Aussage: „Ich bin halt immer so wahnsinnig traurig und antriebslos. Am liebsten würde ich gleich im Bett bleiben.“!

Kranke zweiter Klasse

Dass ein psychisch erkrankter Mensch in unserer Gesellschaft ebenso wie ein Suchtkranker auch mit ärztlicher Diagnose nicht die gleiche Anerkennung seines Leidens wie jemand mit körperlichen – vor allem sichtbaren – Gebrechen findet und sich quasi ständig bei der Umwelt für seinen Zustand entschuldigen muss, ist wohl trotzdem unbestritten. Ich werde auf diesen ärgerlichen Umstand an anderer Stelle einmal näher eingehen.
Es lässt sich also vernünftigerweise nicht anzweifeln, dass Einsicht, sprichwörtlich treffend formuliert, der erste Weg zur Besserung ist. Dennoch rate ich persönlich dazu, sich als psychisch angeschlagener Mensch nach Feststellung des Status Quo möglichst rasch wieder von der Begrifflichkeit der „Krankheit“ zu lösen und sich den Gedanken „Ich bin krank“ auf gar keinen Fall im Denken etablieren zu lassen.

Bei allen aufgezeigten Vorteilen, die solch eine Diagnose hat, birgt sie doch auch eine ganz große Gefahr. Hirnforscher beschäftigen sich in den letzten Jahrzehnten weltweit mit dem Phänomen und der Wirkungsweise von Suggestion bzw. Autosuggestion. Im Kern wird inzwischen auch von vielen Medizinern, die absolut nicht der esoterischen Fraktion angehören, davon ausgegangen, dass unser Denken ganz entscheidend biochemische Prozesse im Organismus mitbestimmt, unsere psychische Gesundheit beeinflusst und auch unsere unbewussten Entscheidungen lenkt. Unter „Denken“ ist hier das Resultat dessen zu verstehen, was wir wiederholt gesehen oder gehört und schließlich internalisiert haben – also das, was wir glauben. Werbung funktioniert nach genau diesem Prinzip. Auch hier trifft es der Volksmund von jeher sehr genau. Nicht umsonst heißt es: Man redet sich etwas ein. Nichts anderes geschieht bei der Autosuggestion.
Die verschiedensten Entspannungstechniken, wie etwa das Autogene Training, arbeiten auf dieser Grundlage. Wiederholte Affirmationen, meist in Form knapper Aussagen in Gegenwartsform, verhelfen häufig zum gewünschten Ergebnis, zum Beispiel: „Ich fühle mich völlig entspannt und ausgeruht!“

Natürlich funktioniert das Prinzip des „Verwirklichens durch Wiederholen“ nicht nur bei positiven Gedankengängen. Das Hirn unterscheidet hier leider nicht zwischen „vorteilhaft und unvorteilhaft für das Individuum“. Es filtert die negativen Gedanken nicht als schädlich aus. Und so besteht eben auch die Gefahr, dass sich eine Einsicht wie „Ich bin krank“ als praktisch unabänderlicher, schicksalhafter Zustand festsetzt. Einmal konstatiert und akzeptiert, beginnt diese Erkenntnis, das Selbstbild zu prägen, ist im Alltag ständig unterschwellig präsent und klebt schon nach kurzer Zeit wie ein Etikett auf dem bedauernswerten Ich. Der hier ist Rechtsanwalt, jene ist Hobby-Gärtnerin, dieser ist Schwede… du bist krank. Basta!
Böse formuliert erhält die Erkrankung die Erlaubnis, chronisch zu werden. Oder: Wer fest daran glaubt, dauerhaft krank zu sein, wird es auch bleiben.
Man befindet sich fortan anerkannter Weise in einem Ausnahmezustand, dessen Haupt-Charakteristikum das Leiden und Nicht-Können ist. Also erfüllt man gewissenhaft die Kriterien: Man leidet und scheitert – und das, obwohl man in den allermeisten Fällen sicherlich subjektiv das Gefühl hat, alles Erdenkliche zu tun, um endlich wieder gesund zu werden und beinahe am Ende der eigenen Kräfte ist. Das verhält sich bei körperlichen Erkrankungen übrigens nicht anders.

Endstation?!

Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass es ab dem Zeitpunkt, als ein Psychiater/ Neurologe mir damals wohlmeinend ins Gesicht sagte: „Kein Wunder, dass es Ihnen so schlecht geht! Wissen Sie eigentlich wie schwer krank Sie sind?“ gesundheitlich mit mir rapide bergab ging und die Kraft, die ich für meine Genesung gebraucht hätte, kaum noch aufzubringen war. Statt sämtliche Kapazitäten zu aktivieren, die einen Heilungsprozess ermöglichen, bekam das Gehirn das Signal: Endstation! Genau diese Eigenbeobachtung haben mir bereits unzählige Betroffene geschildert. Den schlimmsten Fall von negativer Suggestion erlebte ich vor Jahren bei einer Patientin – hochschwanger, voller Vorfreude auf das Baby, aber mit schweren Angstzuständen, Zwängen und Unterernährung – in einer Psychosomatischen Klinik. Der Chefarzt dieses Hauses besaß tatsächlich die Kaltblütigkeit und Dummheit, der Frau mitzuteilen, dass es besser wäre, sich schon einmal darauf einzustellen, das Kind zur Adoption weggeben und sich selbst dauerhaft in eine Pflegeeinrichtung begeben zu müssen. Ihr sei nach ärztlichem Ermessen nicht zu helfen und auch die Konsultation anderer Kollegen mache nur wenig Sinn.

Dass die junge Frau daraufhin einen völligen Zusammenbruch erlitt und es Wochen dauerte, sie wieder einigermaßen aufzurichten, muss ich wohl kaum noch erwähnen. Dass der Chefarzt sich durch den Zusammenbruch bestätigt fühlte, ebenfalls nicht. Drei Jahre später war sie nach Abbruch jeglicher Psychotherapie übrigens wieder beinahe komplett angstfrei, völlig ohne Zwänge und zudem glückliche zweifache Mutter.

Umdenken!

In meinem Fall kann ich heute sagen, dass es wesentlich klüger gewesen wäre, wenn der gute Mann es folgendermaßen formuliert hätte: „Ihnen geht es momentan aus gutem Grund sehr schlecht, aber ich und Sie selbst, wir können eine Menge dafür tun, dass es ab sofort immer besser wird!“ Besonders aus dem Mund einer Respektsperson wirken solche Worte wahre Wunder! Jedem, der sich ernsthaft für die Möglichkeiten der Selbstheilung interessiert oder einem nahe stehenden Menschen zurück auf die Füße helfen möchte, kann ich nur raten, sich intensiv mit dem Thema „Suggestion und Autosuggestion“ zu beschäftigen.
Auch, wenn die optimistischen Affirmationen, die hier Anwendung finden, natürlich nicht sofort vom Bewusstsein für voll genommen werden und angesichts des individuellen Leids so gesehen teilweise sogar zynisch wirken, gelangen sie doch nach und nach in die richtigen Regionen und beginnen ihr wunderbares Eigenleben.
Wer sich als „kranken Menschen“ sieht, wird in diesem Selbstbild versinken wie in einem Sumpf. Dass Sie seelisch erkrankt sind, haben Sie längst verstanden, und Ihrem Umfeld werden Sie es notgedrungen noch oft genug zu erklären haben. Aber für Sie selbst kommt jetzt der nächste Schritt: die Heilung. Sagen Sie sich also ab sofort nie wieder: „Ich bin krank.“, sondern sagen Sie sich zum Beispiel (gern auch laut und deutlich): „Ich bin bald gesund! Mir geht es von Tag zu Tag viel besser. Ich habe verdient, dass es mir gut geht und ich habe die Kraft, es zu schaffen!“

© Marthe Wegner-Valentin

Die Mär von der unbedingten Notwendigkeit der Vergebung

So, wie sämtliche Bereiche des Lebens unterliegen auch die Wissenschaften gewissen „Moderichtungen“ und populären Strömungen. Die Psychologie bildet hier keine Ausnahme. Das, was man als Student in Hausarbeiten als „gängige Lehrmeinung“ herauszufiltern und zu bezeichnen lernt – da es diejenige ist, die es letztendlich unter all den vielen Theorien als einzig Wahre zu internalisieren und zu reproduzieren gilt – setzt sich im Therapie-Alltag methodisch durch und langt irgendwann auch als vermeintliches Faktum und Stein der Weisen in den Köpfen der Massen an.
Eine Theorie, die seit den 1980er Jahren ganz extreme Verbreitung gefunden hat, ist die, dass eine Heilung oder Linderung von Störungen, die ihre Ursache in verletzender Behandlung durch Mitmenschen haben (sei es sexueller Missbrauch in der Kindheit, körperliche Misshandlungen,  Vernachlässigung o.ä.) nur und ausschließlich durch das Instrument der „Vergebung“ zu erreichen sei.

Befreien durch Verzeihen?

Freiwillig und ohne Druck – so die Prämisse – sollte der Geschädigte zu der Erkenntnis kommen, dass es im eigenen Interesse an der Zeit sei, all seine Hassgefühle, seine Ablehnung und seine negativen Gedanken dem „Täter“ gegenüber fahren zu lassen. Diese Sinneswandlung wird von unzähligen Psychologen nicht nur als „befreiender“ Akt, sondern geradezu als Grundvoraussetzung jeder Heilung propagiert
Wer bereits selbst im Rahmen einer Therapie oder beim Versuch, sich eigenständig zu helfen, auf diese Anforderung gestoßen ist, hat möglicherweise auch irgendwo tief in sich drin einen heftigen Widerstand gegen diese Art der „Problemlösung“ verspürt. Vielleicht drängte sich ihm sogar ganz bewusst der Gedanke auf, dass es im Grunde genommen eine absolute Zumutung und ein großes Unrecht sei, den Peinigern zu verzeihen, die ihrerseits in den meisten Fällen ihr Leben völlig unbehelligt, selbstzufrieden und ohne Schuldbewusstsein weiterführen.

Zusätzliche Schuldgefühle

Wer sich einmal die Mühe macht, ein wenig auf den entsprechenden Foren im Internet zu recherchieren, wird feststellen, dass sich inzwischen unglaublich viele Betroffene zwischen der therapeutischen Forderung nach Vergebung und ihrer eigenen Aversion dagegen zerrieben fühlen. Je nach Schwere des Falles ein schier unlösbarer Widerspruch. Unzählige wollen wissen, wie und ob andere das schaffen. Nicht wenige empfinden das Vergeben-Müssen als wahnsinnigen Druck und entwickeln neben ihrer eigentlichen Problematik weitere Schuldgefühle und Komplexe, boykottieren sie durch ihren Unwillen oder ihre Unfähigkeit zu verzeihen doch quasi die erfolgreiche Behandlung und eigene Heilung.
Und, was man dabei natürlich auch niemals aus den Augen verlieren sollte, ist die moralische Ebene, die bei der Begrifflichkeit der „Vergebung“ oder des „Verzeihens“ stets mitschwingt. Nicht nur im religiösen Bereich wird „Vergebung“ schließlich als eine der höchsten Tugenden gepredigt. Auch im alltäglichen Umgang miteinander lernen wir von frühester Kindheit an, dass wir uns als „liebe, anständige Kinder“ gefälligst auch nach dem schlimmsten Streit wieder zu vertragen haben und zwar mit Handschlag und dem Wort „Entschuldigung“, (aber bitte nicht murmeln, sondern schön laut und deutlich sagen und das Gegenüber dabei anschauen.)

Zum Verzeihen gedrillt

Und noch etwas lernen wir bereits in diesen kindlichen Situationen: 1. Alles, was für die Umwelt zählt, ist, dass wieder Ruhe einkehrt und sich niemand durch die Tränen, den lautstarken Protest oder die Schmerzensäußerungen des Geschädigten belästigt fühlen muss. Eine Komponente, die leider auch bei der Behandlung von seelischen Störungen bei Jugendlichen und Erwachsenen häufig eine große Rolle spielt. Nicht wenige Betroffene fühlen sich genötigt, die irrwitzigsten Therapien inklusive Einnahme hoher Dosen von Psychopharmaka über sich ergehen zu lassen, um es ihrem Umfeld endlich recht zu machen, so zu werden, wie es erwartet wird, keinen Ärger mehr zu verursachen…
2. Wer sich unter Druck entschuldigt oder verzeiht, tut dies nicht aus ehrlicher Überzeugung und trägt neben einem bleibenden, unguten Gefühl dem Kontrahenten gegenüber auch noch das Gefühl der Ohnmacht mit ins eigene Erwachsenenleben hinein – eines der Gefühle, die uns meiner Meinung nach am häufigsten und schwersten erkranken lassen.
Verfechter des „Verzeihens um jeden Preis“ mögen jetzt einwenden, dass es sich ja dabei nicht um eine akute Handlung, sondern um einen langwierigen Prozess handele, der einzig und allein dem Wohl des Erkrankten dienen solle und dass die Fixierung auf Hassgefühle ausschließlich Kapazitäten raube, die zur Genesung und zum Aufbau eines glücklicheren Lebens gebraucht würden.
Ich möchte zweierlei einwenden: Zum einen halte ich jede Art von Erwartungshaltung, mit der ein leidender Mensch konfrontiert wird, und um nichts anderes handelt es sich dabei, wenn ich in Aussicht stelle, dass der Patient „sich im Idealfall irgendwann von seinen negativen Gefühlen verabschieden und dem Peiniger verzeihen muss“, für völlig contraindiziert, bevormundend und anmaßend. Zum anderen sagt uns der reine Menschenverstand, dass Schwarz-Weiß-Malerei hier wie allerorten völlig unangebracht ist und dass zwischen Hassgefühlen mit unstillbaren Rachegelüsten einerseits und völliger Vergebung respektive Absolution andererseits noch unzählige andere Möglichkeiten von Affektnuancen existieren.

Abweichende Meinungen

Wie es tatsächlich zu einer derartigen Popularität des Therapieansatzes geradezu zwanghafter Fixierung auf Vergebung kam, vermag ich nicht zu sagen. Fast ist man geneigt, anzunehmen, dass sie der politischen Geschichte mit den entsprechenden Verbrechen im 20. Jahrhundert und dem sehnlichen Wunsch der Deutschen endlich Absolution von der Welt zu erfahren, geschuldet ist. Dagegen spricht, dass – zumindest meines Wissens – in der gesamten westlichen Welt mit diesem Ansatz gearbeitet wird.
Wie auch immer, wird man in unseren Breiten wohl kaum einen Verhaltens- oder Gesprächstherapeuten, ganz gleich ob männlichen oder weiblichen Geschlechts, finden können, der nicht irgendwann im Verlauf der Behandlung durchblicken ließe, dass eine Aussöhnung mit den Eltern (Geschwistern, Ex-Partner, Mobber, Misshandler…) doch erhebliche Erleichterung bringen würde. (Dass er da mit der übrigen Verwandtschaft meistens in ein Horn bläst, macht die Sache nicht gerade leichter.) Und nur selten wird man einen Patienten finden, der im Brustton der Überzeugung entgegenhält: „Mit den Dreckschweinen rede ich nie wieder in meinem ganzen Leben ein Wort! Die haben mich so krank gemacht. Das verzeihe ich denen nie!“
Beruhigend und eine gute Entwicklung finde ich allerdings, dass gerade in jüngster Zeit auch unter Psychologen Stimmen laut werden, die völlig von diesem Konzept abgehen und deutlich sagen: „Man kann und muss nicht alles verzeihen, um gesund zu werden!“

Wichtige Phase der Genesung

Womit wir nun auch bei meiner persönlichen Auffassung und meinen Erfahrungen angelangt wären. Der Weg aus einer schweren, seelischen Krise ist lang und steil. Dabei durchläuft ausnahmslos jeder Betroffene verschiedene Phasen, die sich je nach Auslöser der Erkrankung häufig stark ähneln. Experten sagen, dass selbst die spektakuläre Phase des eigentlichen, akuten Zusammenbruchs bereits Teil des Genesungsprozesses sei, praktisch der erste Schritt der Psyche, den schädlichen Input zu unterbinden und die selbstregulierenden, schützenden Kräfte zu aktivieren. Man könnte diese Phase mit dem Auftreten von Fieber bei einer Infektion vergleichen, das nichts anderes bewirken will als die entsprechenden Mikroorganismen abzutöten. Kein ganzheitlich behandelnder Mediziner wird dazu raten, das „Ausschwitzen“ komplett zu unterbinden, es sei denn, der Patient neigt zu Fieberkrämpfen.
Ebenso dürfte die Einnahme von starken Medikamenten bei den ersten Anzeichen von seelischen Problemen den Ablauf der notwendigen Phasen einer wirklichen Genesung eher negativ beeinflussen, verzögern oder gar unmöglich machen. Wer glaubt, dass damit sein seelisches Leiden tatsächlich geheilt werden könne, irrt ganz gewaltig und wird entsetzt feststellen müssen, dass Körper und Psyche immer neue Ableitungswege, sprich Symptome, für die weiterbestehende Problematik finden werden. Eine Ausnahme mögen hier die wenigen Ausnahmefälle seelischer Störungen bilden, die definitiv allein auf chemische Ungleichgewichte im Körper zurückgeführt werden können.
Eine ähnliche Gefahr wie bei der ausschließlich medikamentösen Behandlung sehe ich auch bei der Konfrontationstherapie gegen Phobien. Auf dieses Thema werde ich aber noch gesondert an anderer Stelle eingehen.

Um auf die Phasen zurückzukommen: Der vermeintlich ersten Phase, dem Zusammenbruch, ist natürlich etwas vorausgegangen, nämlich die jahrelange Phase des Unterdrückens von Affekten, des In-Sich-Hineinfressens der traumatischen Erlebnisse und des mehr oder weniger guten Funktionierens. Die meisten Erkrankten geben sich erst als leidend zu erkennen, wenn keine ihrer erprobten Vertuschungsinstrumente mehr funktioniert und sie keine andere Wahl mehr haben als vor ihrer Verzweiflung in die Knie zu gehen. Ich gebe zu, dass die Vorstellung einige Wochen lang Tabletten einzuwerfen und sich endlich sauwohl zu fühlen, sehr verlockend ist. Aber was so lange vor sich hingegährt hat, ist – man entschuldige bitte den unästhetischen Vergleich – eine giftige, stinkende Brühe und kann nicht einfach so chemisch neutralisiert werden. Schlechte Nachricht: Die Phasen brauchten Jahre – immer, keine Chance auf simple Lösungen. Gute Nachricht: Die Mühe lohnt sich – ebenfalls immer.
Die zweite Phase der meisten neurotischen Störungen, um ruhig einmal das „böse Wort“ zu verwenden, das vielen Angst macht, aber einfach nur ein Überbegriff ist für Leiden, die mit Zwängen, Ängsten, körpersprachlichem Ausdruck (z.B. Lähmungserscheinungen oder Sehstörungen ohne organische Ursachen) und Psychosomatik zu tun haben, ist die Phase, die ich selbst „fassungsloses Erstarren“ nenne und die dann eintritt, wenn man die Ursache des eigenen Leidens und die Verantwortlichen im Ansatz zu erkennen beginnt.
Es folgt die „Verzweiflungsphase“ mit einem Gemisch aus Selbstvorwürfen, Selbsthass, tausend Fragen, auf die man keine Antworten bekommt, und dem sicheren Gefühl, „nie wieder auf die Füße“ zu kommen.
Häufig folgt der Verzweiflung tiefe Traurigkeit, die man getrost als Trauer bezeichnen kann und die den Betroffenen von den Knien oft endgültig in die Bauchlage befördert. Wie beim Verlust eines geliebten Menschen muss man Abschied nehmen: vom Selbstbild, vom Weltbild, von Trugbildern, von Illusionen und von erlernten Verhaltensweisen.

Weg vom Selbsthass

Tja, und nun wären wir also bei jenem Abschnitt der Genesung angelangt, um den es eigentlich in diesem Artikel geht. Ich bin der tiefen Überzeugung, dass jeder, der ihn endlich erreicht hat, viel geschafft hat und optimistisch sein darf: die Phase der hemmungslosen Wut, der Gewaltfantasien gegen die Verursacher der eigenen Situation, der Anklagen, des Öffentlich-Machens, des Laut-Aussprechens, des Wieder-Aufstehens und Sich-Aufbäumens… Ja, sagen wir ruhig: die Phase des Hasses. Der Betroffene hat sich, wahrscheinlich sogar unbewusst, dafür entschieden, weiterleben zu wollen. Er spürt eine Art von Lebensenergie, die er zunächst in Hass kanalisiert. Hass ist wohl unbestritten eine starke Energie und Antriebskraft. Anders als in den vorausgehenden Phasen wenden sich die Affekte des Leidenden hier aber endlich nach außen. Vielleicht empfindet er auch noch eine gehörige Portion Selbsthass und Schuldgefühle, wurde ihm dies ja systematisch von frühester Kindheit an eingeimpft, aber immerhin wird das Selbst nun – zumindest vom Verstand – nicht mehr als Auslöser der Tragödie identifiziert, gequält und bestraft. Für mich ist diese Phase, solange sie nicht wiederum von außen wie oben beschrieben mit Schuld und Scham belegt wird, der Schlüssel zur Genesung.
Man kann nicht sagen, wie lange die einzelnen Phasen andauern. Sie gehen ineinander über, verschwimmen miteinander, möglicherweise kommt es auch einmal zu einem Rückfall in frühere Phasen und entsprechende Verhaltensweisen. Aber ich denke, dass man ab dem Moment, in dem die angestaute Wut ihr wirkliches Ziel gefunden hat, nach und nach wohltuende Veränderungen im eigenen Befinden feststellen kann. Anfangs werden die Gedanken vermutlich noch ständig und mit großer Intensität um die auslösenden Personen kreisen. (Ein Zustand, der, wäre er auf Dauer angelegt, natürlich nicht gesund sein kann.) Nach einer Weile ist dann aber – ähnlich wie beispielsweise bei Panikattacken – der Zenit überschritten und eine gewisse innere Ruhe kehrt ein. Kaum ein Individuum ist in der Lage und in der Not über sehr lange Zeiträume einen brennenden Hass zu empfinden. Auch hier arbeitet unser Hirn äußerst effizient und schafft nach individuell angemessener Zeit Platz für neue Affekte, Lebensinhalte und Denkaufgaben.

Ein moralisches Recht auf Abneigung

Das von vielen Therapeuten so verpönte Hass-Gefühl wird sich meistens in eine dauerhafte, starke Aversion gegenüber den „Tätern“ wandeln. Und dazu hat es meines Erachtens auch jedes Recht dieser Welt. Zu oft kommen diejenigen ungeschoren davon, die anderen Menschen – häufig sogar bewusst – den schlimmsten Schmerz und die schwersten psychischen Schäden zugefügt haben. Könnte man nicht sogar sagen, dass es eine Frage der Vernunft und des Anstandes ist, genau diese Personen zu verabscheuen und zu meiden?!
Mein Fazit: Wer tatsächlich verzeihen kann und möchte, ohne sich selbst zu verraten und zu verbiegen, möge dies liebend gern tun. Jeder Andere aber möge sich selbst ohne Skrupel gestatten, lebenslange, tiefe Verachtung für die Missetäter zu empfinden.

© Marthe Wegner-Valentin